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Arbeitszeit: Feierabend ist Feierabend

ver.di NEWS

Arbeitszeit: Feierabend ist Feierabend

Ausgabe (17/2017)

  
Leitartikel:
Arbeitszeit: Feierabend ist Feierabend
Wirtschaftsweise, Union, FDP und Arbeitgeber fordern mehr Flexibilisierung

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Der Acht-Stunden-Tag hat ausgedient. Dieser Meinung ist zumindest Christoph Schmidt, der Vorsitzende der so genannten Wirtschaftsweisen. In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ sagte er, es müsse doch möglich sein, dass ein Angestellter zusätzlich zu seinem Arbeitstag abends an noch einer Telefonkonferenz teilnimmt und morgens beim Frühstück seine E-Mails liest. Schmidt begründet seine Idee mit der Digitalisierung der Arbeitswelt. „Firmen, die in unserer neuen digitalisierten Welt bestehen wollen, müssen agil sein und schnell ihre Teams zusammenrufen können. Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, ist veraltet“, so der Wirtschaftsweise in dem Interview.

Bei den Arbeitgebern stoßen solche Vorschläge auf offene Ohren. Auch sie wollen die im Arbeitszeitgesetz vorgegebene maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden gerne ohne weitere Beschränkungen auf die ganze Woche verteilen. Dafür zeigen sich vor allem die Unionsparteien und die FDP offen. Im Rahmen einer Bundesratsinitiative will die schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die bisherige Arbeitszeitgrenze von acht Stunden pro Tag aufheben. Bei den mittlerweile gescheiterten Sondierungen zu einer so genannten Jamaika-Koalition, bestehend aus Union, FDP und Grünen, war die Regelung der Arbeitszeit ein Thema.

Dabei wurden 2016 in Deutschland bereits rund 1,8 Milliarden Überstunden geleistet, die Hälfte davon blieb unbezahlt. Im Report 2017 des DGB-Index Gute Arbeit gaben 41 Prozent der Befragten an, sie seien häufig oder sehr häufig zu erschöpft, um sich nach der Arbeit noch um private oder familiäre Angelegenheiten kümmern zu können. Der überwiegende Teil von ihnen gibt als Grund dafür an, von zu Hause aus noch Arbeit erledigen zu müssen.

Schon jetzt gibt es Beispiele

Allerdings warnt auch der Wirtschaftsweise Schmidt davon, mit zunehmender Flexibilisierung heimlich die Arbeitszeit auszuweiten. Ihm gehe es lediglich darum, die „bestehende Arbeitszeit flexibler über den Tag und innerhalb der Woche zu verteilen“. Doch wohin das führen kann, zeigen schon jetzt zahlreiche Beispiele.

Der Textildiscounter H&M stellt rund 40 Prozent seiner Beschäftigten mit flexiblen Verträgen ein. Sie garantieren zum Beispiel zehn Arbeitsstunden pro Woche, mehr arbeiten können sie, wenn der Arbeitgeber sie anfordert. Bei den Bodenverkehrsdiensten an Flughäfen ist es durchaus gängige Praxis, die Beschäftigten nach Hause zu schicken, wenn gerade keine Flieger landen. Dann dürfen sie nach zwei, drei Stunden wiederkommen, um weiterzuarbeiten – aber bezahlt wird diese Wartezeit nicht. Auch bei dieser Praxis reicht das Einkommen oft nicht zum Leben. 

www.verdi.de/wegweiser/tarifpolitik/themen/arbeitszeit

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