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Beschäftigte entlang der globalen Zulieferkette: Stark durch neue Strategie!

exChains-Nachrichten (06/2016)
exChains-Nachrichten (06/2016) ver.di exChains-Nachrichten (06/2016)  – Beschäftigte entlang der globalen Zulieferkette: Stark durch neue Strategie!

 
»Die neue Verhandlungsstrategie kann unsere Gewerkschaftsarbeit stärken!«, ist Prathibha Ramanath überzeugt. Die Gewerkschafterin von der indischen GATWU teilte diese Einschätzung in einer Videokonferenz ihren KollegInnen von der H&M-Betriebsrätekonferenz, dem Zara-Gesamtbetriebsrat und der Gewerkschaft NGWF aus Bangladesch mit.

Das ExChains-Netzwerk von TIE Global, in dem Betriebsräte von H&M und Zara aktiv sind, hatte die Videokonferenz gemeinsam mit ver.di und KollegInnen aus Indien, Sri Lanka und Bangladesch organisiert, damit sich über 250 BetriebsrätInnen von H&M, 30 GBR-Mitglieder von Zara sowie BekleidungsgewerkschafterInnen aus Asien direkt austauschen können.

Das Videogespräch machte deutlich, worum es beim ExChains-Netzwerk geht: »Wir wollen als Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten und uns durch gemeinsame Aktivitäten gegenseitig unterstützen«, sagt Amirul Haque Amin von der bangladeschischen NGWF. Damit das gelingt, wurde im Netzwerk eine neue Strategie entwickelt.

Die Arbeiterinnen in den Zulieferfabriken entwickeln gemeinsam mit ihren Gewerkschaften Forderungen und erarbeiten Wege, diese vor Ort mit den Fabrikbesitzern zu verhandeln. Das können Forderungen nach Trinkwasser oder sauberen Toiletten sein, aber auch umfassendere Forderungen nach höheren Löhnen oder kürzeren Arbeitszeiten. In ihre Aktionen und Verhandlungen beziehen die Arbeiterinnen auch die Konzerne ein, die in ihren Fabriken produzieren lassen. H&M und Zara/Inditex zählen zu den wichtigsten Auftraggebern bangladeschischer Bekleidungsfabrikanten und lassen auch in Indien fertigen.

»Manche Forderungen können wir direkt selbst durchsetzen, bei manchen werden wir über die Fabrikebene hinausgehen und die Konzerne an den Verhandlungstisch bringen müssen. Sie bestimmen am stärksten, unter welchen Bedingungen wir arbeiten«, erläutert Prathibha den neuen Ansatz. Anna Bischoff, Vorsitzende des Zara-GBR, nimmt den Ball auf: »Wir Betriebsräte und Gewerkschafterinnen hier können diese Verhandlungen dann unterstützen, indem wir die Geschäftsleitung in Deutschland mit den Forderungen der Arbeiterinnen konfrontieren und unsere Kolleginnen und Kollegen hier darüber informieren.« So kann die Verhandlungsposition der Arbeiterinnen vor Ort gestärkt werden. »Begegnungen mit den KollegInnen aus der Produktion, wie die Videokonferenz sie möglich macht, sind für den Erfolg der gemeinsamen Strategie wichtig«, ergänzt die GBR-Vorsitzende von H&M, Saskia Stock.

Die neue Strategie soll die Gewerkschaften vor Ort dabei unterstützen, allmählich mehr Verhandlungsmacht aufbauen und immer größere Forderungen durchsetzen zu können. Dass diese Strategie tatsächlich Erfolg verspricht, bestätigen erste Erfahrungen der GATWU in Bangalore. Rahtnamma, gewerkschaftlich aktive Arbeiterin bei Texports Creation, berichtet in der Videokonferenz von ersten Erfolgen: »Durch gemeinsame Aktionen und in Verhandlungen konnten wir verhindern, dass die Reinigungskräfte in unserer Fabrik gekündigt wurden. Zudem konnten wir drei freie Sonntage pro Monat erkämpfen.« Solche Erfolge stärken alle Beschäftigten in ihren Auseinandersetzungen. So berichtet Umesh, Arbeiter und Gewerkschafter beim H&M-Zulieferer Shahi Exports, die Erfahrungen mit Verhandlungen auf Fabrikebene hätten ihm und seinen KollegInnen Mut gemacht, sich gegen Kürzungen bei der Sozialversicherung zu wehren: »Das hat gezeigt, was wir erreichen können, wenn wir zusammenstehen. Die Regierung musste die geplanten Kürzungen schließlich zurücknehmen. Das war ein Sieg aller Bekleidungsarbeiterinnen.«

In den kommenden Wochen und Monaten werden die Gewerkschaften im ExChains-Netzwerk gezielt Forderungen an die Zulieferer der Modekonzerne aufstellen und mit Verhandlungen und betrieblichen Aktionen beginnen. In Deutschland wird das Netzwerk die Strategie bekannt machen und weitere Betriebsräte für die Mitarbeit gewinnen, v.a. bei Primark und Esprit. Die neue Strategie ist auch Teil des neu gegründeten ver.di-Arbeitskreises »Junge Mode«.

Amin betont, dass die neue Strategie auf Gegenseitigkeit beruht: »Wir werden hier in Bangladesch auch die Kämpfe und Forderungen der deutschen Einzelhandelsbeschäftigten mit Aktionen unterstützen. Das ist für uns klar.« Auch damit gibt es bereits Erfahrungen, an die angeknüpft werden kann. Zuletzt organisierten die GewerkschafterInnen der GATWU, als im Frühjahr 2016 fünf Zara-Filialen geschlossen werden sollten, ein Solidaritätsvideo, in dem sie den Beschäftigten ihre Unterstützung aussprachen. Unterstützung erfuhren die Zara-Beschäftigten in der Auseinandersetzung um die Schließungen auch vom H&M-Gesamtbetriebsrat. Dessen Mitglieder besuchten eine von den Plänen betroffene Zara-Filiale in Hamburg-Altona, und weitere H&M-KollegInnen nahmen an Protestaktionen teil. Auch der Esprit-GBR mischte sich ein und sandte eine Video-Unterstützungsbotschaft.

Saskia von H&M unterstreicht: »Die gegenseitige Unterstützung bei konkreten Auseinandersetzungen ist ein Baustein der neuen Strategie – egal wo entlang der Produktionskette.« Solche Aktionen sind aber erst der
Anfang der neuen Strategie zur Stärkung der Gewerkschafts- und Betriebsratsarbeit in der globalisierten Bekleidungsindustrie. GewerkschafterInnen und Betriebsräte wollen unternehmensübergreifend an den Themen ExChains, gesunde Arbeitsbedingungen und Stärkung von Betriebsräten zusammenarbeiten.

Ein Beispiel dafür ist die Kampagne des H&M-Gesamtbetriebsrates für menschenwürdige Arbeitsbedingungen hier und entlang der Produktionskette. Sie wurde auf der H&M-Betriebsräteversammlung gestartet und verbindet den Kampf gegen prekäre und krankmachende Arbeitsbedingungen in Deutschland mit dem Kampf für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen in den Produktionsländern. Denn, so die GBR-Vorsitzende Saskia: »Letztlich ist es dasselbe Unternehmen, dem wir an unterschiedlichen Orten auf der Welt gegenüberstehen: dort in der Produktion der Ware, hier bei ihrem Verkauf. Wir haben verstanden: Für menschenwürdige Arbeitsbedingungen hier und entlang der Produktionskette können wir nur gemeinsam kämpfen.«

Mehr Informationen zur neuen Verhandlungsstrategie gibt es unter
www.exchains.org